Nicht ohne meinen Sohn

Emil und Anatol

Mein geliebter kleiner Emil,

20. März 2015

so fern und doch so nah wir einander sind: Jeder Morgen beginnt für mich mit Deinem unbeschwerten Lachen und Quieken - direkt aus dem Wecker, wo es seit eineinhalb Jahren einprogrammiert ist.

In meinen Tagträumereien sehe ich Dich wie früher leibhaftig neben mir: wie Dein Kopf unter der Bettdecke hervorkommt, wie Deine Hand mir zärtlich über Mund und Nase geht und sich dann ganz warm in meine Hand legt, wie Deine Augen voller Lebendigkeit und Neugier auf den neuen Tag leuchten. Beim Säubern und Windelwechseln schnaubst und strampelst Du vergnügt auf Deiner Unterlage. Bevor ich aus dem Haus gehe, sitzt Du im Schaukelstuhl auf meinem Schoß, und wir beide lauschen dem Vogelzwitschern von draußen oder hören andächtig Musik vom Plattenspieler. Und wenn ich abends von der Arbeit heimkehre, schaukelst Du aufgeregt in Deinem Maxicosi und streckst mir Deine Ärmchen entgegen ... Spätestens dann setzt der große Schmerz der Wirklichkeit ein: Dein Kinderzimmer ist leer, Deine Stofftiere und Spielsachen unbewegt, Stille herrscht. Deine Entführung in die Ukraine vor eineinhalb Jahren hat alles verändert.


Ohne Dich zu sein und kaum zu wissen, wie es um Dich steht - dies ist die schwerste Zeit und die härteste Prüfung meines Lebens. Meine Gedanken und Gefühle kreisen um Dich, Tag und Nacht.

Obwohl ich schon 15 Mal in die Ukraine gereist bin, um Dich zu finden, zu sehen und heimzuholen, ist das Ende Deiner Entführung noch nicht in Sicht. Jeder rote Ein- und Ausreisestempel in meinem Reisepass ist ein Herzchen für Dich.


In Deiner Entführungszeit haben dramatische Ereignisse die Ukraine zum gefährlichen Weltkrisenzentrum gemacht. Jedes Mal spüre ich dort die allgemeine Angst vor Krieg und Zerfall - und teile sie in meinen dunkelsten Momenten in dieser Fremde.

Im Frühling 2014 konnte ich Dich im Kiewer Polytechnikumspark unerwartet aufspüren und gegen den Willen Deiner Mutter eine Dreiviertelstunde mit Dir verbringen. Du warst ganz ruhig, schautest mich mit Deinen großen blauen Augen neugierig an und hattest einen Arm um meinen Hals gelegt. Da war klar: Es gibt etwas Verbindendes zwischen uns, was niemand zerstören kann, und auch nach langer Trennung werden wir schnell wieder zusammenfinden.

Wo man hindenkt, sagen kluge Leute, dort geschieht etwas. Also: Bald haben wir uns wieder!!! Für mich bedeutet das, gegen alle Skepsis und Zweifel einiger Mitmenschen: dranbleiben - mit Entschlossenheit und Ausdauer! So habe ich es früher in vielen schwierigen Gebirgen und Ländern dieser Welt gelernt und verinnerlicht, und jetzt gibt es mir im langen Kampf um Dich und Deine Zukunft Rückhalt und Hoffnung.

Ich schreibe Dir regelmäßig Tagebuch, damit Du später begreifen kannst, was geschehen ist. Deine Tante Esther soll es Dir aushändigen, falls mir in Krise und Krieg in der Ukraine etwas zustößt. Es erzählt viel über die Abenteuer und die Höhen und Tiefen, die Dein Papa auf der Suche nach Dir durchlebt hat.


Was Deine behördliche Rückführung nach Deutschland anbelangt, bricht die ukrainische Seite das Völkerrecht systematisch, und die deutsche fordert es nicht ein. In ihrer Gleichgültigkeit und Untätigkeit sind sich die Bürokraten beider Länder einig: Sie erklären sich für unzuständig und schauen weg - denn es geht ja nicht um ihre Kinder... Alles Bitten und Appellieren an Beamte und Politiker war bisher umsonst, aber ich gebe nicht auf.

Zum Glück in allem Unglück: Ich stehe nicht ganz allein da. Gute Freunde sind mir sehr oft mit Rat, Fürsorge und Tat zur Seite. Auf diese Weise ist überraschend auch die wunderbare Emil- und Papa-Unter¬stützerseite www.nicht-ohne-meinen-sohn.de im Netz entstanden. Sie soll die die Öffentlichkeit auf Deine Entführung aufmerksam machen.


Im Moment bleibt mir nur die Hoffnung, dass Du ausreichend versorgt bist und Deine Kindheit durch Isolation und Wegsperrung in Kiew nicht immer schwerer beschädigt wird. Als ich Dich vor drei Monaten kurz zu Gesicht bekam, wirktest Du bleich und traurig. Wie viele Menschen, bekannte und unbekannte, hast Du in Deutschland mit Deiner Wonne und Ausdruckskraft begeistert! Genauso soll es wieder sein...

Immer Dein, immer für Dich
- in Liebe und Treue umarmt Dich aus der Ferne ganz fest
Dein Papa Anatol
München, 20.03.2015
Copyright © 2015 - 2017 Anatol Jung, Daniel Wischnewski. Übersetzung ins Ukrainische: Ruslana Radchuk.
Recht herzlichen Dank an netzhaus AG aus Potsdam für die technische Unterstützung.
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